Rund um den Independent-Club „Lovelite" ballt sich die Streetart. Das Projekt „Wall Street Journal", eine Wand, die monatlich neu von Street-Art-Künstlern gestaltet wurde, bot Mitte der 2000er so etwas wie eine Outdoor-Galerie, die entscheidend den guten Ruf der Street Art förderte.
Mit dem kompliziert verschachtelten Wildstyle-Stil der New Yorker Writer hat der schlichte Schriftzug von Just nichts gemein. Mit der Berliner CBS-Crew teilt er den Ehrgeiz, möglichst viele Dachgiebel zu besetzen.
Diese gemeinschaftliche Auftragsarbeit für einen Kinderspielplatz zeigt, wie leicht sich Street Art für offiziell politische Zwecke instrumentalisieren lässt. Von einer Gegenkultur mit eigener Sprache ist bei diesem Kinderbuch-tauglichen Wandgemälde nichts mehr zu finden.
Comics sind von jeher eine wichtige Inspiration für Graffiti und Street Art. Gerade die amerikanischen Marvel-Comics machen jugendliche Außenseiter zu Helden - wie den grünen Muskelberg „Hulk". Außerdem wurde in Comics lange vor Graffiti mit grafisch gestalteten Buchstaben experimentiert.
Herzen (und Tiere) rühren immer. Diese alte Werber-Weisheit, der vor Jahren spektakulär das originale Langnese-Symbol zum Opfer gefallen ist, scheint auch bei diesem Cut Out im Hinterkopf gespukt zu haben. Wenn es dann noch aus Legosteinen zusammengesetzt ist, kennt der sentimentale Reflex kein Halten mehr. Urban Art mit größtem psychologischem Nenner.
Hier kollidieren die Welten. Eine naive See-Szenerie mit Gnom wie aus einem Kindermärchen hält als Hintergrund für ein 3D-Piece aus dem Ghetto her. Ein schönes Beispiel dafür, dass Übermalungen nicht immer destruktives „Crossen" bedeuten müssen, sondern einen überraschenden Mehrwert erzeugen können.
Dieses alarmierte Gesicht scheint von den zackigen Schriftzügen bedrängt zu werden. Seine fotorealistische Technik lässt an die Porträts von jugendlichen Gewaltopfern denken, die in der New Yorker Bronx auf eine öffentliche Gedenkmauer gemalt werden.
S/M-Fantasien trifft man kaum im Repertoire der Urban Art. Eine übergroße Frau mit Raubtierblick, in Reizwäsche aus Lack mit einem Messer hinter dem Rücken ist fast schon eine Exotin in einer wenig sexualisierten Kultur. Ihre roten Rastahaarflechten verweisen ganz hochkulturell auf das Schlangenhaupt der Medusa, wie Caravaggio sie gemalt hat.
Ein typisches Piece posaunt den Namen des Writers in Platzhirschmanier hinaus. Das hat etwas sehr Maskulines. Und wirklich treten Frauen in der Street Art erst vermehrt nach der Graffiti-Phase mit ihren dominierenden Pieces auf. In diesem Aufmarsch von aggressiven Namensblöcken wirkt das erschrockene Frauengesicht mit dem Gedicht in Schreibschrift wie ein femininer Einwurf. Feministinnen dürfte das viel zu defensiv sein.
Eine surreal zerfließende Jugendstil-Schönheit ragt aus einer eckigen Bauklötze-Pyramide, die sich in einem Raubtier-Comic fortwindet. Hier sieht man, wie kunstvoll verschiedene Urban-Art-Stile ineinander greifen können, wenn genügend Zeit vorhanden ist. So können nur legale Arbeiten aussehen.
Der Künstler Timm Ulrichs zeigte mit einem Film aus Überwachungskamera-Sequenzen schon in den 80ern, wie dicht das Netz der Videoüberwachung in deutschen Städten gestrickt ist. Nicht nur El Bocho, auch Banksy erinnert mit seinen Motiven gerne daran.
Klein und gemein. El Bocho mit einem seiner Tafelbilder, die durch ein Detail nachhaken. Hier bekommt eine scheinbar harmlose Menschengruppe durch den Stacheldraht, der sie vom Betrachter trennt, eine ganz neue Bedeutung: Gewalt, Gefangenschaft, Guantanamo? So stark ist der Blick des modernen Nachrichtenguckers konditioniert.
Little Lucy von El Bocho ist Berlin-Folklore pur. Die Göre hat die rabiate Hinterhof-Attitüde einer Zille-Figur fürs 21. Jahrhundert. Das Motiv mit der zerteilten Katze taucht wiederholt auf, manchmal wird es durch ein lakonisches „Kopf ab" kommentiert.